APA0084 5 KI 0438 Korr APA0068/24.09 Mi, 24.Sep 2008
Literatur/Neuerscheinung/Rezension/Niederösterreich/Wien
Schwarzhumorig: Cornelia Travniceks "Die Asche meiner Schwester"
Utl.: Literarisches Road-Movie: Nach Marokko mit Urne im Gepäck - Lesung am 28. Oktober in der Nationalbibliothek
(Von Ewald Baringer/APA)
Wien/St. Pölten (APA) - Als veritables literarisches Wunderkind wird Cornelia Travnicek in der österreichischen Literaturszene derzeit gehandelt. Die 21-Jährige aus Traismauer, u.a. mit
dem Hans-Weigel-Literaturstipendium des Landes NÖ und dem Theodor-Körner-Förderpreis bedacht, hat mit dem Prosaband "Die Asche meiner Schwester" ihre zweite Veröffentlichung vorgelegt. Das Werk ist
in der Literaturedition NÖ erschienen, am 28. Oktober ist eine Lesung in der Österreichischen Nationalbibliothek angesetzt.
Frank McCourts Romantitel "Die Asche meiner Mutter" assoziiert man da zwangsläufig, befürchtet die nun bevorstehende literarische Veraschung ganzer Verwandtschaften und erahnt doch nach
der Lektüre die hintergründige Patenschaft, die hier jenseits plakativer Spekulation vorhanden sein mag. Schräg - und spät ersichtlich - der Plot: Travniceks toughe Protagonistin ist mit einer auf
dem Beifahrersitz platzierten Urne nach Marokko unterwegs, um dort dem letzten Wunsch der zeitlebens verhassten Schwester zu entsprechen und deren Asche im Rif-Gebirge zu verstreuen.
Als Gefährten der makabren Reise sind Joshua, der vergammelte letzte Verehrer der Verflossenen ("Er bröselt und kekst sich quer über die Rückbank, und während der Fahrt gummibärt er
zwischendurch..."), und ein altersschwacher Hund namens Napoleon mit dabei. Letzterer wird das Abenteuer nicht überleben, Joshua aber befreit die Erzählerin zuletzt "von einer Last, von der ich gar
nicht wusste, dass ich sie getragen habe". Das Ende bleibt - natürlich, leider - offen.
Das klingt nach Road-Movie und ist es auch: Über Italien und die Cote d'Azur geht es nach Barcelona, Cordoba und Algeciras nach Nordafrika. Mit bemerkenswert trockenem Humor und in
sarkastischem Tonfall beschreibt Travnicek diese skurrile Fahrt, die zugleich auch eine Reminiszenz an die in einer Art Vorspann skizzierte familiäre Vergangenheit evoziert: Die Mutter, die "uns
verließ" (ob sie gestorben ist?), der schweigsam sich zu Tode leidende Vater, die Schwester, die stets im Mittelpunkt der Zuneigung stehen will.
Dabei kokettiert Travniceks lässiger Stil selbst gerne mit lustvoller Egozentrik ("Manolo Blahnik sagt, Schuhe sind Macht", "Die anderen waren in meinem Leben nur Statisten"), die aber
auch hinterfragt wird. Epilogsätze wie "Unsere Erinnerung ist ein einsamer Hof hinter hohen Mauern" wirken hingegen etwas aufgesetzt nach all dem erzählerischen Furor. Die junge Autorin scheint
jedenfalls auf gutem Weg vom Literatur-Girlie zur interessanten literarischen Hoffnung.
(S E R V I C E - "Die Asche meiner Schwester" von Cornelia Travnicek, Prosa, Literaturedition Niederösterreich, 143 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-901117-98-5; Lesung am 28. Oktober um 19
Uhr im Oratorium der Österreichischen Nationalbibliothek)
(Schluss) bar/fra/whl